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Wie fühlt sich Auswandern an?

Mein Erfahrungsbericht aus Brasilien

10.11.2016

Ich lebe seit über zwei Jahren in Florianópolis auf der Insel Santa Catarina in Brasilien. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Freiberufler über das Internet. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung auszuwandern und bereue sie keine Sekunde lang. Es ist ein kleines Paradies, aber Auswandern hat auch seine Schattenseiten. Hier ist mein Erfahrungsbericht.

Inhalt

Das neue Leben

Die Anfangszeit war schon sehr unglaublich, und obwohl ich vorher schon zweimal in Brasilien war, war ich von den Eindrücken wieder einmal überwältigt. Die Luft roch anders, die Geräusche auf der Straße waren anders, die Natur war anders und ich fühlte mich manchmal wie im Film (vor allem, wenn ich Orte besuchte, die ich aus Filmen kannte). Ich lernte neue Menschen kennen und fand mich in Situationen wieder, die ich vorher noch nie erlebt hatte. Es war echt Wahnsinn.

Praia do Campêche - Der Atlantik ist nur 30 Minuten mit dem Bus entfernt.

Das Beste war, dass ich von nun an bleiben konnte. Es ist ein tolles Gefühl im November Strandfotos nach Deutschland zu schicken. Ich gebe zu, das ist vielleicht gemein, aber es macht einfach zu viel Spaß, um widerstehen zu können.

Ich bezog eine neue Wohnung und schaffte mir einen komplett neuen Hausstand an. Es war ein komplett neues Leben.

Heimweh

Das Heimweh kam nach den ersten paar Monaten. Es war nicht besonders schlimm, aber manchmal vermisste ich ein kühles Bier mit meinen Freunden, oder auch mich in meiner eigenen Sprache ausdrücken zu können. Die gewohnten Strukturen gab es nicht mehr und manchmal fehlte mir der Rückhalt.

Das Internet half mir dabei, diese Phase zu überstehen. Ich hörte deutschsprachige Musik, Podcasts und Hörspiele. Serien, Filme und Bücher standen mir auch zur Verfügung. Das birgt natürlich die Gefahr, sich in seiner Höhle zu verbarrikadieren. Deswegen empfehle ich das nur in geringer Dosis.

Gespräche mit anderen Auswanderern und Unternehmungen mit neuen Freunden waren die wesentlich bessere Hilfe. Es wurde mit der Zeit immer besser. Heute habe ich kaum noch Heimweh.

Traum oder Flucht?

In Brasilien zu leben war immer ein Traum von mir und plötzlich bot sich mir eine Möglichkeit an. Das war und ist der Grund für meine Entscheidung, hier zu bleiben.

Ich habe während der Anfangszeit fast zwei Monate lang in Hostels gelebt und bin immer wieder Menschen begegnet, die ebenfalls auswandern wollten. Meistens war die Begründung sehr einfach. Deutschland ist der totale Horror. Die Menschen, das Wetter, das System, einfach alles. Es hörte sich mehr nach Flucht als nach einem Traum an.

Ich habe Deutschland nie so gesehen. Es ist ein tolles Land mit vielen Möglichkeiten, Wohlstand, Infrastruktur und vielem mehr. Sicher auch mit Problemen, aber mir ging es doch nicht wirklich schlecht dort. Unzufriedenheit kann ich nachvollziehen, aber wenn ich das Land für meine Unzufriedenheit verantwortlich mache, wie wahrscheinlich ist es dann, dass ich das in einem anderen Land (in dem mich noch mehr Probleme erwarten) nicht wieder genauso mache?

Meine Erkenntnis ist, dass Flucht als Motivation nicht ausreicht, um Probleme, lange Zeiten der Ungewissheit und andere unangenehme Phasen zu überwinden. Wer das nicht wirklich will, dem wird es schwerfallen, durchzuhalten. Ich empfehle jedem potenziellen Auswanderer sich vorher zu fragen, ob hinter der Motivation wirklich ein Traum steht oder nur die Flucht vor Problemen.

Die Nein-Sager

"Wenn andere was nicht können, wollen sie Dir immer einreden, dass Du es auch nicht kannst. Wenn Du was willst, dann mach es. Basta."

Will Smith: Das Streben nach Glück

In unserer Gesellschaft gilt ein Vollzeitjob bis zur Rente als das normale Lebensmodell. Wer sich für ein anderes Modell entscheidet, muss damit rechnen, als Träumer oder Spinner abgestempelt zu werden. So ging es mir selbst und das höre ich auch von anderen immer wieder. Es sei eine idiotische Träumerei und ich solle lieber an meine Rente denken (der Klassiker).

Ich würde den Nein-Sagern nicht immer Neid unterstellen. Manchmal ist es auch aufrichtige Sorge oder es gibt ganz andere Gründe für dieses Verhalten. Dennoch ist die negative Wirkung von Nein-Sagern nicht zu unterschätzen. Das gilt vor allem, wenn sie nahestehende Personen sind.

Einmal ausgesprochen ist die Saat nämlich im Kopf. Bei der kleinsten Schwierigkeit fangen die Selbstzweifel sofort an, zu wachsen. Was, wenn er oder sie doch recht hatte? Das kann zu schlaflosen Nächten führen und sich zu einer richtigen Krise auswachsen.

In dieser Situation hilft es mir sehr, den schlimmsten Fall einmal durchzuspielen.

Wenn ich scheitere, muss ich dann in Deutschland für immer von Hartz 4 leben?
Werde ich als Entwickler mit internationaler Erfahrung nie wieder einen Job finden?
Verliere ich mein Gesicht, wenn ich scheitere?

Natürlich nicht. Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist Langeweile. Festgefahrene Routine und grauen Alltag finde ich wesentlich schlimmer, als jedes Scheitern. Außerdem würde ich mich immer fragen, was ich verpasst habe.

"Wenn ich auf die Nein-Sager gehört hätte, würde ich noch immer in den österreichischen Alpen leben und jodeln..."

Arnold Schwarzenegger

Arbeiten

Ich finde, arbeiten in Festanstellung ist auf eine gewisse Art immer gleich. Man steht morgens auf, macht sich fertig und fährt zur Arbeit. Man arbeitet, unterhält sich mit Kollegen, hat Mittagspause und irgendwann Feierabend. Man freut sich auf das Wochenende, macht manchmal Überstunden und gelegentlich hat man auch keine Lust aufzustehen oder einen Kater. Das ist in Köln und Florianópolis so und wahrscheinlich auch in Tokio, Moskau oder San Francisco nicht anders.

Meine Firma war sehr modern eingerichtet und die Ausstattung war besser, als bei meiner alten Firma in Deutschland. Es gab so gut wie keine Grabenkämpfe, ein starkes Teamgefühl und überhaupt keinen rigiden Führungsstil. Wir hatten sogar eine Playstation 4 in der Küche stehen. Trotzdem tue ich mich mit einem Vergleich zu Deutschland etwas schwer, denn in Brasilien habe ich in einem modernen Start-up gearbeitet und in Deutschland bei einem mittelständischen lange etablierten Unternehmen mit dem Zehnfachen an Mitarbeitern und strikten Strukturen. Es fühlt sich so an, als ob ich Äpfel mit Birnen vergleiche, daher möchte ich mich lieber auf das beschränken, was wirklich eindeutig anders war.

Nehmen wir einmal das Firmengebäude. Ein moderner Bau vor einem Berg, der von Palmen und Teichen umgeben ist. Von der Bushaltestelle aus konnte ich das Meer sehen. Das ist wirklich ein toller Ort, um zu arbeiten. Irgendwie erinnerte mich das an einen alten James Bond Streifen. Es fehlte nur noch der Typ mit der weißen Katze im Arm.

Die Firma - Willkommen in meiner bescheidenen Zentrale, Mr. Bond...

Den grauen Alltag gab es für mich nicht. Selbst bei (viel zu) langen Meetings, die sich nur um zwei Akteure drehten, konnte ich aus dem Fenster die Palmen hin und her schwingen sehen und Arbeiter bei der Gartenarbeit beobachten. Manchmal kamen sogar kleine Affen oder bunte Vögel ans Fenster. Gelangweilt sah ich glaube ich nie aus. Dafür war ich selbst nach fast einem Jahr immer noch viel zu fasziniert.

Dass es ein Leben ohne Festanstellung gibt, lernte ich, als der englische Vertragspartner nach ungefähr einem Jahr Sparmaßnahmen ankündigte und den Vertrag mit meiner Firma auflöste. Etwa dreißig Kollegen (darunter auch ich) konnten nicht mehr gehalten werden und wurden entlassen. Sorgen um die Zukunft machte sich aber komischerweise keiner. Einige schienen sich sogar auf die neue Freizeit zu freuen.

In Brasilien sind die Lebensunterhaltskosten sehr niedrig. Ein monatliches Einkommen von 600 Euro netto reichte (heute sollten es schon 800 Euro sein) locker aus, um bequem leben zu können. Ich kam auf den Dreh, dass man sich im Internetzeitalter sehr gut mit freiberuflicher Arbeit und passiven Einkommensquellen wie Affiliate Marketing durchschlagen kann. Allerdings sollte man wenn möglich nicht erst im Ausland damit beginnen. Es geht leider nicht von heute auf morgen.

An dieser Stelle kann ich Interessierten das Buch Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss wärmstens empfehlen, das mich überhaupt erst auf die Idee brachte, in diese Richtung zu denken.

Glücklicherweise erhielt ich für einige Monate Arbeitslosengeld und großzügige Nachzahlungen, die es mir ermöglichten, rechtzeitig in die Gänge zu kommen. So konnte ich mir eine erneute Bewerbung ersparen. Im Nachhinein betrachtet war es das Beste, was mir passieren konnte.

Soziales

Die Sprachbarriere ist nicht zu unterschätzen. Ich konnte mich zum Glück schon auf Portugiesisch unterhalten, denn mit Englisch alleine wäre ich in Brasilien nicht weit gekommen und ich hätte mich schnell isoliert gefühlt.

Die Brasilianer sind sehr kontaktfreudig und unglaublich freundlich. Das ist sehr beeindruckend und ungewohnt (selbst heute noch). Beispielsweise ist mir der Kassierer am Supermarkt, der mich immer überschwänglich mit Handschlag begrüßt (als wären wir schon seit Jahren Besties) irgendwie unheimlich. Den Handyverkäufer, der halb schlafend im Stuhl sitzt und mich mit Bro anredet, finde ich dagegen so schräg, dass es wieder lustig ist. Es bedeutet aber nicht, dass eine freundliche Person einen unbedingt mag. Die Brasilianer haben (bis auf wenige Ausnahmen) wirklich fantastische soziale Skills und es ist nicht üblich, Abneigungen gegenüber anderen Personen offen auszudrücken. Das ist ein starker Gegensatz zu uns Deutschen. Abneigung oder Fehlverhalten einer anderen Person offen zu äußern kann in Brasilien gar nicht gut ankommen.

Bei den englischen Kollegen war es genau umgekehrt. Sie waren sehr reserviert und ich dachte zuerst, dass sie mich aus irgendeinem Grund nicht leiden können. Aber das stimmte gar nicht. Nach einiger Zeit wurde das Verhältnis sehr entspannt und der fiese Griesgram aus meinem Team verwandelte sich zum sympathischen und witzigen Kollegen.

Bei beiden dauerte es eine gewisse Zeit, bis sich Freundschaften entwickelten. Das ist der Teil, der mit Kultur nichts mehr zu tun hat, denn in Deutschland dauert es genauso lange. Neue Leute lernt man auch genauso wie dort beispielsweise auf der Arbeit, im Fitnessstudio oder auf Partys kennen.

Ich habe gelernt, dass andere Kulturen (so ähnlich sie auch erscheinen mögen) meistens trotzdem ganz andere soziale Regeln haben. Ich kann nicht erwarten, dass sich irgendwer um die sozialen Regeln schert (oder überhaupt kennt), mit denen ich aufgewachsen bin. Ich versuche daher nicht alles persönlich zu nehmen und mich für Fettnäpfchen, in die ich trete, aufrichtig zu entschuldigen (aber mich sonst nicht übermäßig dafür zu schämen). Das ist unvermeidlich. Irgendwann hat man den Dreh raus und findet sich zurecht.

Ein anderes soziales Thema sind die Freundschaften in Deutschland. Die Kontakte schlafen schnell ein, wenn sie nicht regelmäßig gepflegt werden. Bei mir blieben am Ende nur die wichtigsten Freunde übrig, auch wenn ich mit (fast) niemanden im Streit auseinandergegangen bin. Das ist leider normal. Andere Auswanderer, die ich hier kennengelernt habe, beschrieben mir ähnliche Erfahrungen.

Der Alltag

Irgendwann kehrt nach der ganzen Euphorie dann aber doch die Routine ins Leben zurück. Das ist nichts Schlechtes, denn ich finde. ab dieser Etappe lernt man erst das richtige Leben im Ausland kennen. Man findet heraus, was man an seiner neuen Heimat wirklich mag und warum man dort sein will (so ähnlich wie in einer Beziehung).

Vieles fühlt sich an wie in Deutschland. Manchmal habe ich keine Lust aufzustehen und ich besuche auch kaum noch Touristenorte (die kenne ich ja schon). Den Strand liebe ich aber immer noch und den Ausblick auf die Berge möchte ich auch nicht mehr missen. Der (fast) durchgehende Sommer ist auch klasse, genauso wie die Nähe zur Natur.

Es gibt auf meiner Liste aber immer noch viele Dinge, die ich noch nicht gesehen oder getan habe. Langweilig wird es mir so schnell sicher nicht.

Schlusswort

Auswandern ist harte Arbeit am eigenen inneren Kompass. Es ist ein wunderbares Gefühl und hat doch seine Schattenseiten. Es gilt die Sprachbarriere, Angst, Selbstzweifel und Nein-Sager zu überwinden. Gleichzeitig muss man Geduld mitbringen und bereit sein, sich an neue soziale Regeln anzupassen. Wem das gelingt, dem winkt die Erfüllung eines Traums.

Bildrechte (rio_de_janeiro.png, praia_do_campeche.png, bravi.png): Mike Quade